Kategorie: FGZ 1-Li

§ 219 a endlich abgeschafft!

Das Gesetz stammt noch aus dem Jahr 1933, als Frauenkörper als Gebärende funktionalisiert wurden und so Bevölkerungspolitik betrieben wurde. Jegliche Verbreitung und Förderung von Erklärungen und Informationen zum Schwangerschaftsabbruch im Allgemeinen wurde verboten. Bei Nichteinhaltung drohte eine Haftstrafe von bis zu zwei Jahren.

Die Frauenärztin Kristina Hänel wurde am 24. November 2017 vom Amtsgericht Gießen verurteilt, weil sie in ihrer Praxis Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt und öffentlich darauf hingewiesen hatten. Auch andere Gynäkolog*innen wie z.B. Bettina Gaber und Detlef Merchel wurden bestraft. Mutige Ärztinnen wie Bettina Gaber und Kristina Hänel hatten gegen dieses Werbeverbot Verfassungsbeschwerde eingereicht.

Die ersatzlose Streichung des Paragrafen 219 a StGB wurde am 24. Juni 2022 vom Deutschen Bundestag beschlossen und tritt am 19. Juli in Kraft. Es war ein langer Weg: die damalige große Koalition hatte erst Anfang 2019 einen eigenen Gesetzentwurf vorgelegt. Dieser erlaubte lediglich, dass auf Angebot des Schwangerschaftsabbruchs hingewiesen werden durfte. Mehr aber auch nicht. Denn weitere Informationen waren verboten und galten als Werbung. Diese Lösung wurde von mehreren Sachverständigen als unzureichend kritisiert und stattdessen die Streichung aus dem StGB befürwortet. Trotz der Einwände wurde dieser Gesetzesentwurf umgesetzt.

Ein langer politischer Kampf geht nun zu Ende. Ärztinnen und Ärzte können Informationen über Schwangerschaftsabbrüche bereitstellen, ohne Strafanzeigen und Verurteilungen fürchten zu müssen. Zuvor hatte die Gesetzeslage die Ärzteschaft stigmatisiert. Immer weniger entschieden sich, diesen Eingriff überhaupt anzubieten.

Ungewollt Schwangere wünschen sich laut Pro Familia direkte Beratung und wollen nicht über die Bundezentrale für gesundheitliche Aufklärung informiert werden. Weiterhin suchen sie bereits am Anfang ihres Weges zum Schwangerschaftsabbruch Informationen und nicht erst, wenn sie in der gynäkologischen Praxis oder in der Beratungsstelle sind.

Die Streichung des § 219 a StGB erleichtert es den Praxen und Kliniken auf Ihren Webseiten Informationen zu hinterlassen und Frauen können gut informiert autonom ihre Entscheidungen treffen.

Internationaler Tag der Frauengesundheit

Fast scheint es wie ein Aufatmen. Der Frühling ist da. Die Bäume stehen im frischen Grün, die Blumen in den Beeten und Balkonkästen sprießen, die Amseln singen und die Tage sind lichter. Es ist die Jahreszeit, die schon in vorchristlicher Zeit für Auferstehung und Neuanfang steht, in der die Natur erwacht.

Nach den Monaten der Ausgangsbeschränkungen, der Angst um seine Gesundheit und die seiner Angehörigen, des Home-Schooling und des Home-Office scheint es mit den aufgehobenen Coronabeschränkungen wieder Hoffnung zu geben. Die Corona-Krise hat unser Land einem Stresstest ausgesetzt.  Vielfach gelobt für ihren Einsatz, wurden vor allem Frauen besonders gefordert und unter schwierigsten Bedingungen in tradierte Rollenmuster zurückgedrängt. Für sie bedeutete es, massive Alltagslasten durch die häusliche Betreuung der Kinder, die reduzierte Arbeitszeit und die damit verbundenen finanziellen Einbußen. Die strukturellen Benachteiligungen von Frauen sind nicht neu.  Und doch haben Frauen in dieser Krise wieder einmal mehr gezeigt, was sie leisten.

Sie gehören zu den Benachteiligten der Pandemie, wird in einer Erwerbstätigenbefragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung vom April 2020 festgestellt. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK berichteten die Frauen seit der Pandemie von vermehrten psychosomatischen Beschwerden wie z.B. Schlafproblemen oder Schmerzen, erhöhtem Stressempfinden und Sorgen (www.dak.de/dak/download/forsa-studie-2266768.pdf). Diese Ausgangslage macht auch vor den Kindern und dem gesamten Familiennetz nicht halt und trifft Alleinerziehende mit wenig Unterstützungsnetzwerken besonders.

Ohne Frage, das Engagement für die tatsächliche Gleichberechtigung in Arbeit und Wirtschaft gilt es voranzubringen, denn schon die finanzielle Unabhängigkeit der Frauen trägt maßgeblich zur Gesunderhaltung und letztlich zur Gleichstellung der Geschlechter bei.

Auf der individuellen Ebene lädt der Frühling zu Aufbruch, Wandel und Neubeginn ein. Das gibt Hoffnung und hilft neue Lösungen zu finden. Es kann Kraft geschöpft und auf die letzten Monate zurückgeschaut werden. Dazu können Fragen gehören, wie: was war in den letzten Monaten besonders stärkend und wohltuend, was gilt es beizubehalten? Wo ist die Familie enger zusammengerückt und welche Begegnungen und welche professionellen Hilfsangebote waren besonders wichtig?   

Aber auch welche Stressfaktoren gab es und wie kann ihnen begegnet werden?  Es lassen sich nicht alle Schwierigkeiten und Ereignisse vorwegsehen und wir wissen nicht, was uns der Herbst bringen wird. Aber zu wissen, was gut ist und stärkt, fördert die eigene Widerstandskraft vor allem, wenn Rückschläge oder Überforderung drohen.

Die aktuellen Angebote zur Stärkung der Mütter des FMGZ MEDEA e. V. finden Sie auf unserer Homepage www.medea-dresden.de/frauengesundheitszentrum/

Kontakt:

Anne Dschietzig und Jana Giersberg (Mitarbeiterinnen im Frauengesundheitszentrum)

Unterstützung von Geflüchteten aus der Ukraine

Natürlich stellen sich aktuell eine Vielzahl von aufenthaltsrechtlichen Fragen für die geflüchteten Menschen aus der Ukraine. Die IQ Fachstelle Einwanderung hat daher FAQs zu der aktuellen rechtlichen Situation neben Deutsch auf drei weiteren Sprachen (Englisch, Russisch und Ukrainisch) veröffentlicht.

Das Sächsische Staatsministerium für Soziales und gesellschaftlichen Zusammenhalt hat einen Erstkontakt-Flyer entworfen in deutsch, ukrainisch, russisch und englisch mit Informationen zu Registrierung und Unterbringung.

Die Bundesagentur für Arbeit hat eine neue bundesweite Landingpage zum Thema Ukraine-Konflikt online gestellt. Die Angebote und Informationen sind nicht exklusiv für geflüchtete Frauen, sollen aber auch gerade diese unterstützen.

Unter diesem Link finden Sie die aktuellen Informationen des Sächsischen Flüchtlingsrates zu Hilfsangeboten und Bedarfen in Sachsen.

Die Stadt Dresden bündelt unter dem Stichwort Hilfe für die Ukraine Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten. Außerdem veröffentlicht sie Pressemitteilungen zum aktuellen Stand in der Stadt.

Darüber hinaus hat die Volkshochschule Dresden e. V. eine Hilfs-Börse eingerichtet, eine Internetseite, über die Hilfsgesuche und Hilfsangebote unkompliziert kommuniziert werden können.

Eine Zusammenfassung von wichtige Infos zu Einreise, Aufenthalt und sozialen Rechten von Menschen aus der Ukraine bietet der Paritätische Gesamtverband.

Der Ausländerrat Dresden e. V. empfiehlt gerade folgendes Vorgehen zur Unterstützung von geflüchteten Ukrainer*innen:

  • Wenn eine Unterkunft vorhanden ist, abwarten und ankommen lassen >>> Sinnvoll: Registrieren per Mail an Ausländerbehörde (Name, Vorname, Geburtsdatum, Staatsangehörigkeit, Photo vom Pass)
  • Es wird einen Aufenthalt geben, mit Arbeitserlaubnis und Möglichkeit des Schulbesuchs & Anmietung von Wohnungen.
  • Falls kein Geld da ist -> Sozialamt (Termin per Mail anfragen)
  • Falls es Gesundheitsbedarfe gibt -> Sozialamt (Termin per Mail anfragen)
  • Falls keine Unterkunft da ist -> Erstaufnahmeeinrichtung des Landes, mit Stand 3. März 2022 ist das die Erstaufnahmeeinrichtung Leipzig Mockau III (Graf-Zeppelin-Ring 6, 04356 Leipzig).
  • Alles Andere ist laut Info aus der Migrationsarbeit noch nicht geklärt.

Vitsche, https://vitsche.org/, ist ein neuer Verein junger engagierter Ukrainer*innen aus Berlin, die dem aktuellen Kriegsgeschehen in der Ukraine nicht tatenlos zusehen können. Sie organisieren Proteste zur Unterstützung der Ukraine und wollen in Zukunft auch Kultur- und Bildungsveranstaltungen organisieren. Sie haben einen Hilfe-/ Warnflyer in Englisch und Ukrainisch entwickelt, der Frauen und Mütter vor Menschenhandel warnt.

Die plutoni GmbH hat ein Jobportal für geflüchtete Ukrainer*innen erstellt, um dieser dabei zu unterstützen in Deutschland schnell eine Erwerbsarbeit zu finden.

AKF erstellt Leitfaden für die gynäkologische Unterleibsuntersuchung

Der Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e. V. (AKF) hat einen Leitfaden für die gynäkologische Unterleibsuntersuchung erarbeitet und stellt diesen zur Diskussion. Er richtet sich in erster Linie an ärztliche Untersucher*innen. Dabei geht es nicht um eine Diskussion darüber, wann die gynäkologische Unterleibsuntersuchung eingesetzt werden sollte und welche Befunde sie erbringen kann. Vielmehr hat der Leitfaden zum Ziel die Frage zu erörtern, wie die Untersuchung so gestaltet werden kann, dass sie die Gefühle und Bedürfnisse der Patient*innen respektiert und so umfassend wie möglich zu deren Information und Empowerment beiträgt.
Für die vaginale gynäkologische Unterleibsuntersuchung gibt es bisher keine verbindliche Anleitung, die auch diese Aspekte berücksichtigt. Gleichzeitig stellt sie für viele Patient*innen eine große Herausforderung dar und ist mit Ängsten, Schamgefühlen, Stigmatisierung oder Schmerzen verknüpft. Vor allem wenn Patient*innen durch Gewalterfahrungen und Traumatisierung belastet sind, hat sie das Potenzial erneut Schaden anzurichten.
Ein entsprechend sensibler und respektvoller Umgang sollte demzufolge neben dem medizinischen Fachwissen grundlegende Voraussetzung für die Untersuchung sein, was den AKF zur Erarbeitung des Leitfadens motivierte.

Den Leitfaden finden Sie hier.

Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen

Anlässlich des 100. Geburtstages der Schriftstellerin Christine Brückner haben die Stiftung Brückner-Kühner und der Verlag S. Fischer Theater und Medien in Kooperation mit dem Archiv der deutschen Frauenbewegung, der Stadt Kassel und dem Hessischen Rundfunk das Projekt „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ ins Leben gerufen. Entstanden ist ein beeindruckender und bunter Querschnitt von Themen, die Frauen aktuell bewegen.

Im ersten verlinkten Beitrag teilt Larissa Letz auf anschauliche und bewegende Art ihren steinigen Weg zur Diagnose Endometriose, in dem sich sicher viele Betroffene wiedererkennen können. Sie stellt wichtige Fragen von „Sind Regelschmerzen normal?“ bis „Warum ist diese Erkrankung trotz so vieler betroffener Personen so unbekannt und so schlecht erforscht?“ und teilt ihre teils unbequemen Antworten mit uns.

Die zweite Rednerin, Maelene Lindgren, gehörte zu den sechs Frauen*, deren Beitrag für die Festveranstaltung am 10.12.2021 ausgewählt wurde. Sie spricht über vielfältige Diskrimminierungserfahrungen, darüber in keine Schublade zu passen und über die Möglichkeit unserem Gegenüber die Wahl zu lassen, wenn wir beginnen unsere Urteile zu hinterfragen.

Safe Abortion Day – 150 Jahre Widerstand gegen §218 StGB

Seit nunmehr 150 Jahren verankert der §218 die Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen im Strafgesetzbuch. Die geschichtlichen Zusammenhänge machen dabei deutlich, dass die Thematik immer wieder für die Interessen der jeweiligen Machtinhaber missbraucht, nicht aber im Sinne der betroffenen schwangeren Personen verhandelt wurde. Das Ergebnis ist erschreckend. Die Verankerung im Strafgesetzbuch stigmatisiert und kriminalisiert sowohl die Betroffenen als auch das Fachpersonal, das die Eingriffe vornimmt. In der Folge existieren bis heute keine medizinischen Leitlinien zur sicheren Durchführung eines Schwangerschaftsabbruchs und das gesamte Prozedere ist noch immer kein fester Bestandteil der Ausbildung von Ärztinnen. Die Möglichkeit sich strafbar zu machen verunsichert die Ärzteschaft und hat zum Ergebnis, dass seit 2003 die Zahl von Praxen und Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, um rund 40%, gesunken ist. Bei den wenigen Gynäkologinnen, die die Eingriffe durchführen, kommen immer wieder veraltete Methoden wie die Ausschabung zur Anwendung. Dabei stehen mittlerweile sicherere und nebenwirkungsärmere Verfahren zur Verfügung, wie Medikamente oder die Vakuumaspiration.
Doch die Betroffenen stoßen schon viel früher auf unter Umständen folgenschwere Hindernisse. Wer in Deutschland eine Abtreibung vornehmen lassen möchte, muss mindestens drei Tage vor dem Abbruch eine Schwangerschaftskonfliktberatung wahrnehmen, die nicht von der behandelnden Ärztin durchgeführt werden darf, sondern nur von dafür anerkannten Beratungsstellen. Menschen, die ihre Schwangerschaft gerade erst bemerkt haben, geraten so unter Umständen in Zeitnot, da in Deutschland nur bis Ende der 12. Woche nach der Empfängnis ein Schwangerschaftsabbruch im Rahmen der sogenannten Beratungsregelung zulässig ist. Für die verpflichtende Wartezeit zwischen Konfliktberatung und Abbruch gibt es allerdings keine medizinische Grundlage. Es ist eine politische Entscheidung.
Es ist überfällig, den Betroffenen mehr Rechte und Entscheidungsspielraum sowie den barrierefreien Zugang zu einem Abbruch als öffentliche Gesundheitsleistung zu gewähren. Der internationale Vergleich zeigt, dass der legale, flächendeckende und hürdenfreie Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen in erster Linie nicht die Anzahl der Eingriffe erhöht, sondern die medizinische Sicherheit. Auch internationale Organisationen wie die WHO oder die Frauenrechtskonvention der UN (CEDAW) fordern deshalb die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und die Bereitstellung dieser als öffentliche Gesundheitsleistung. Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch sind außerhalb des Strafgesetzes möglich und nötig, beispielsweise in Sozialgesetzbüchern oder innerhalb der für den Gesundheitsbereich geltenden Rechtsordnungen.
Das Recht auf Abtreibung muss unter völliger Straffreiheit gewährt werden. Dafür setzen wir uns ein am 28. September zum Safe Abortion Day.

Von Hexen, Heiler*innen, der „Gender Data Gap“ und ihren Folgen – ein Beitrag aus dem Frauenstadtarchiv des Frauenbildungshauses

Der folgende Artikel wurde von den Mitarbeiterinnen des Frauenstadtarchivs des Frauenbildungshauses verfasst und darf mit deren freundlicher Genehmigung hier veröffentlich werden.

Frauen leben zwar statistisch gesehen länger als Männer, doch viele sogenannte „Frauenleiden“ weisen beachtliche Forschungslücken auf und bleiben trotz enormen Leidensdrucks und zahlreicher Besuche bei verschiedenen Fachärzt*innen lange undiagnostiziert.

Wie in vielen anderen Bereichen des Lebens gilt: Der Mann* ist die Norm und bildet die Referenz. Dafür lassen sich viele Beispiele finden. Beim Crashtest werden beispielsweise in der EU Dummys verwendet, die einem durchschnittlichen Männerkörper entsprechen. Kopfstütze, Airbags und Sicherheitsgurt werden nach männlicher/n Durchschnittsgröße und -gewicht eingestellt. Für Frauen* besteht bei einem Unfall eine größere Verletzungsgefahr.

Auch in der Medizin ist das so: In der Forschung werden vermeintlich typische Symptome und Reaktionen auf Medikamente vor allem an Männern* dokumentiert. Dass bei gleichen Krankheitsbildern Frauen andere Symptome zeigen, führt zu Fehldiagnosen, beispielsweise bei ADHS oder, mit fatalen Folgen, bei Herzinfarkten. Woher kommt diese sogenannte „Gender Data Gap“ (Geschlechter-Datenlücke, diese Datenlücke ist für ältere Frauen*, Frauen* mit Behinderung und Women* of Color noch einmal größer) in der Medizin und Heilkunde?

Die Ursachen für das Phänomen sind natürlich vielschichtig. Grundliegendes Problem ist, dass Frauen* in der Geschichte der Schulmedizin lange kaum eine Rolle spielten. Vom Studium der Medizin waren Frauen im Deutschen Reich bis 1899 ausgeschlossen. Obwohl sie ab 1899 offiziell Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie studieren durften, fehlte es vielen Frauen* am Zugang zur höheren Bildung und somit zum entscheidenden Abiturzeugnis als Voraussetzung für das Studium – und es fehlte auch an Akzeptanz seitens der Mediziner* und Professoren*. 1918 wurde erstmals mit Adele Hartmann in Deutschlands eine Frau* Professorin der Medizin. Somit prägten die Interessen und Erfahrungen von Frauen* kaum den Lehrplan und die Forschung.

Dass es vor 1899 keine Frauen in Heilberufen gab, ist jedoch ein Trugschluss. Lange bevor sich die Lehre an Berufsschulen, Hochschulen und Universitäten etablierte, wirkten Frauen* als Heilerinnen*. Das Wissen wurde in Ausbildungen, aber vor allem über Vorgängerinnen* zum Teil nur mündlich vermittelt und durch Selbststudium und praktische Erfahrungen vertieft. In Klöstern wirkten beispielsweise Ordensschwestern* als Pharmazeutinnen* oder Pflegerinnen*. Im Bereich der Geburtshilfe und Frauen*heilkunde waren lange Zeit ausschließlich Hebammen tätig. Laienheilerinnen* und -ärztinnen* waren außerhalb des universitären Kontext Heilkundige, die vor allem in ländlichen Regionen und für die ärmere Bevölkerung agierten. Laienheilerinnen* bedienten sich mitunter christlicher Gebete, deren Einsatz für profane Zwecke jedoch verpönt war. Heilversuche mit Salben, Kräutern und Ritualen machten die Ausübende sowohl bei Erfolg als auch bei Misserfolg verdächtig, eine Hexe zu sein: Wenn sie* heilte, hatte sie* anscheinend magische Fähigkeiten, wenn sie* nichts bewirken konnte und sich der Gesundheitszustand nicht besserte oder gar verschlechterte, hatte sie* möglicherweise einen Schadenszauber angewandt. Und prinzipiell galt der Verdacht: Wenn jemand über besondere heilende Kräfte verfügte, konnten diese ebenso für Schlechtes missbraucht werden.

Unter diesem Generalverdacht standen in der Zeit der Hexenverfolgung (ca. 1430–1780) auch Hebammen. Da sie während der Schwangerschaft angeblich die Möglichkeit hatten, Fehlgeburten zu provozieren oder die ungetauften Neugeborenen zu opfern, wurden sie im „Hexenhammer“ (Abhandlung über die Verfolgung, Verurteilung und Hinrichtung von Hexen aus dem Jahr 1486) zum Feindbild der katholischen Kirche erklärt. Die These der Auslöschung der weisen, heilenden Frau als Bewahrerin der Volks- und Frauenheilkunde im Zuge der Hexenverfolgung wurde dennoch immer wieder infrage gestellt, obwohl der Anteil von Heilerinnen* und Hebammen an allen Zentren der Hexenverfolgung hoch war.

Neben der Hexenverfolgung gab es weitere Faktoren, die das Wissen um Frauen*gesundheit schmälerte und zurückwarf: Das akademische Medizinstudium (von welchem Frauen* bis 1899 ausgeschlossen waren) und der daraus resultierende Konflikt zwischen Hebammen und Ärzten* spielte die Expertise der Frauen* herunter und marginalisierten die Tätigkeiten der nicht studierten Geburtshelferinnen*. Mit der schulmedizinischen Gynäkologie und Chirurgie wurden Frauen* und ihr Wissen spätestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weiter aus der (Frauen*)-Heilkunde gedrängt. Da Frauen* erst zur Wende zum 20. Jahrhundert wieder studieren durften und die universitäre Lehre bis heute von Männern* dominiert wird – 2019 waren nur 26% der Professor*innen weiblich*, bleiben sogenannte „Frauenkrankheiten“ schlecht erforscht. 

Beispielhaft dafür sind das PCO-Syndrom (Polyzystisches Ovar-Syndrom) und Endometriose. PCOS ist zwar eine der häufigsten Stoffwechselstörungen und die häufigste Hormonstörung bei Frauen* im gebärfähigen Alter, aber dennoch ist der Weg zur Diagnose lang. Und auch dann erfolgt eine Behandlung nur mit Medikamenten im „Off-Lable-Use“, also mit Medikamenten, die nicht zur Behandlung von PCOS zugelassen sind, aber im Zusammenhang mit den Symptomen Wirkung zeigen. Das bedeutet einerseits, dass die Therapie häufig mit ungewollten Kompromissen einhergeht und dass die Patientinnen* die Kosten selbst tragen müssen. Als einzige Option wird meistens die Pille angeboten, die wiederum nicht von allen gut vertragen wird, starke Nebenwirkungen haben kann und bei Kinderwunsch nicht infrage kommt.

Ähnlich ergeht es Menschen mit Endometriose. Geschätzt wird, dass zwischen 8% und 15% aller Frauen* vor der Menopause betroffen sind. Um sich und anderen zu helfen, werden diese Frauen* selbst aktiv, beispielsweise in Selbsthilfegruppen oder Vereinen wie die Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. oder der Endometriose Dialog e.V. Über die Vernetzung von betroffenen Frauen* und engagierten Ärzt*innen wird informiert, unterstützt und versucht, aktiv der „Gender Data Gap“ entgegenzuwirken.

Wir haben mit Kathrin Weinel, stellvertretende Vorsitzende des Endometriose Dialog e.V. gesprochen. Sie lebt seit 2009 mit der Diagnose Endometriose:

F*SA: Woran hast du gemerkt, dass etwas bei dir nicht in Ordnung ist? Hattest du selbst den Verdacht, dass es Endometriose sein könnte?

Kathrin Weinel: Ich hatte eine spärliche Regel und keinerlei Verdacht. Ich hatte eher an Stress gedacht. Meine Frauenärztin ist sehr umsichtig und schaut immer gleich nach.

F*SA: Wie lange hat es gedauert, bis du eine Diagnose hattest und wie viele Termine bei Fachärzt*innen hattest du bis dahin?

K. W.: Die Diagnose kam prompt, auch wenn sie jahrelang nur eine Verdachtsdiagnose blieb. Eine verlässliche Diagnose gibt es nur nach einer Lapraskopie und histologischer Untersuchung. Leider erfolgte keinerlei Aufklärung und da ich keine weiteren Beschwerden hatte auch keine Therapie.

F*SA: Und wie lange hat es gedauert, bis du einen zufriedenstellenden Therapieplan hattest, mit dem du gut zurechtkommst?

K. W.: Es gab keinen zufriedenstellenden Therapieplan, nur künstliche Hormone und eine weitere Operation. Das war für mich keine Option. Ich habe dann selbst recherchiert und mich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen. Für eine gute Diagnostik habe ich noch mehrere ganzheitliche Ärzte aufgesucht. Ich habe insgesamt 1500 € Diagnosekosten selbst getragen, da die Kasse nicht zahlt. Einen vernünftigen Therapieplan gab es aber auch von ganzheitlicher Seite nicht. Ich habe dann radikal mein Leben umgestellt und konnte nach 6 Monaten auf naturähnliche Hormone umstellen. Parallel musste ich meinen Darm heilen. Nach 1,5 Jahren war ich beschwerdefrei.

F*SA: Entsprechen deine Erfahrungen der Norm? Wie sieht es bei anderen Patientinnen* im Schnitt aus?

K. W.: Nein, ich hatte großes Glück. Der Zeitraum bis zur Diagnose liegt im Schnitt bei 7 Jahre. Viele bleiben trotz Schmerzen ohne Diagnose.

F*SA: Was würdest du Frauen* mit frischer (Verdachts-)Diagnose Endometriose raten?

K. W.: Nicht nur auf die Endometriose zu schauen, viele Frauen mit einem schweren Verlauf haben oft Begleiterkrankungen. Probleme mit dem Immunsystem, Darm oder Schilddrüse sind sehr häufig. Auch die Psyche spielt eine größere Rolle als viele glauben. Leider nur werden wir Frauen* oft in die „Psychoecke“ gedrängt und es wird so ausgetan, als seien die Schmerzen psychosomatisch. Das sollte sich keine Frau* einreden lassen. Aber die Psyche leidet sehr unter der Erkrankung und den Therapien, die eigene Probleme mit sich bringen. Wird man bei Frauenärzt*innen abgebügelt, rate ich, sich sofort an ein zertifiziertes Endometriosezentrum zu wenden, Adressen findet man auf der Seite der Endometriosevereinigung. Ich kann nur jeder Frau* empfehlen, Körper und Seele fit zu machen, damit beide mit dieser schweren Erkrankung bestmöglich fertig werden. Aktiv mit der Endometriose umzugehen, ist sehr hilfreich.

F*SA:Was wünschst du dir von Ärzt*innen in Bezug auf die Behandlung von Endometriose und den Umgang mit Endometriose-Patientinnen*?

K. W.: Dass sie Patientinnen* an Selbsthilfegruppen vermitteln und sich mit diesen vernetzen und austauschen. Es muss nicht eine in der Nähe sein, viele beraten auch telefonisch. Außerdem, das Ärzt* innen ehrlich sagen, dass sie nicht weiter wissen und nicht den Patientinnen* einreden, dass ihre Beschwerden nicht sein können.

F*SA: Vielen Dank!

Verwendete und weiterführende Literatur:

Criado-Perez, Caroline: Unsichtbare Frauen: Wie eine von Männern gemachte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, München 2020.

Gaskill, Malcom: Hexen und Hexenverfolgung. Eine kurze Kulturgeschichte, Stuttgart 2013.

Kerckhoff, Annette: Heilende Frauen. Ärztinnen, Apothekerinnen, Krankenschwestern, Hebammen und Pionierinnen der Naturheilkunde, Berlin 2014.

Robert Koch Institut (Hg.): Gesundheitsberichterstattung des Bundes gemeinsam Getragen von RKI und DESTATIS. Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland, Berlin 2020.

Sallmann, Jean-Michel: Hexen; in: Geschichte der Frauen. Frühe Neuzeit (= Band 3), Berlin 2012, S. 461–474.

https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Frauenanteil-in-Professorenschaft-steigt-langsam-413821.html (Aufgerufen am 26.05.2021)