Kategorie: FGZ 1-Li

Von Hexen, Heiler*innen, der „Gender Data Gap“ und ihren Folgen – ein Beitrag aus dem Frauenstadtarchiv des Frauenbildungshauses

Der folgende Artikel wurde von den Mitarbeiterinnen des Frauenstadtarchivs des Frauenbildungshauses verfasst und darf mit deren freundlicher Genehmigung hier veröffentlich werden.

Frauen leben zwar statistisch gesehen länger als Männer, doch viele sogenannte „Frauenleiden“ weisen beachtliche Forschungslücken auf und bleiben trotz enormen Leidensdrucks und zahlreicher Besuche bei verschiedenen Fachärzt*innen lange undiagnostiziert.

Wie in vielen anderen Bereichen des Lebens gilt: Der Mann* ist die Norm und bildet die Referenz. Dafür lassen sich viele Beispiele finden. Beim Crashtest werden beispielsweise in der EU Dummys verwendet, die einem durchschnittlichen Männerkörper entsprechen. Kopfstütze, Airbags und Sicherheitsgurt werden nach männlicher/n Durchschnittsgröße und -gewicht eingestellt. Für Frauen* besteht bei einem Unfall eine größere Verletzungsgefahr.

Auch in der Medizin ist das so: In der Forschung werden vermeintlich typische Symptome und Reaktionen auf Medikamente vor allem an Männern* dokumentiert. Dass bei gleichen Krankheitsbildern Frauen andere Symptome zeigen, führt zu Fehldiagnosen, beispielsweise bei ADHS oder, mit fatalen Folgen, bei Herzinfarkten. Woher kommt diese sogenannte „Gender Data Gap“ (Geschlechter-Datenlücke, diese Datenlücke ist für ältere Frauen*, Frauen* mit Behinderung und Women* of Color noch einmal größer) in der Medizin und Heilkunde?

Die Ursachen für das Phänomen sind natürlich vielschichtig. Grundliegendes Problem ist, dass Frauen* in der Geschichte der Schulmedizin lange kaum eine Rolle spielten. Vom Studium der Medizin waren Frauen im Deutschen Reich bis 1899 ausgeschlossen. Obwohl sie ab 1899 offiziell Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie studieren durften, fehlte es vielen Frauen* am Zugang zur höheren Bildung und somit zum entscheidenden Abiturzeugnis als Voraussetzung für das Studium – und es fehlte auch an Akzeptanz seitens der Mediziner* und Professoren*. 1918 wurde erstmals mit Adele Hartmann in Deutschlands eine Frau* Professorin der Medizin. Somit prägten die Interessen und Erfahrungen von Frauen* kaum den Lehrplan und die Forschung.

Dass es vor 1899 keine Frauen in Heilberufen gab, ist jedoch ein Trugschluss. Lange bevor sich die Lehre an Berufsschulen, Hochschulen und Universitäten etablierte, wirkten Frauen* als Heilerinnen*. Das Wissen wurde in Ausbildungen, aber vor allem über Vorgängerinnen* zum Teil nur mündlich vermittelt und durch Selbststudium und praktische Erfahrungen vertieft. In Klöstern wirkten beispielsweise Ordensschwestern* als Pharmazeutinnen* oder Pflegerinnen*. Im Bereich der Geburtshilfe und Frauen*heilkunde waren lange Zeit ausschließlich Hebammen tätig. Laienheilerinnen* und -ärztinnen* waren außerhalb des universitären Kontext Heilkundige, die vor allem in ländlichen Regionen und für die ärmere Bevölkerung agierten. Laienheilerinnen* bedienten sich mitunter christlicher Gebete, deren Einsatz für profane Zwecke jedoch verpönt war. Heilversuche mit Salben, Kräutern und Ritualen machten die Ausübende sowohl bei Erfolg als auch bei Misserfolg verdächtig, eine Hexe zu sein: Wenn sie* heilte, hatte sie* anscheinend magische Fähigkeiten, wenn sie* nichts bewirken konnte und sich der Gesundheitszustand nicht besserte oder gar verschlechterte, hatte sie* möglicherweise einen Schadenszauber angewandt. Und prinzipiell galt der Verdacht: Wenn jemand über besondere heilende Kräfte verfügte, konnten diese ebenso für Schlechtes missbraucht werden.

Unter diesem Generalverdacht standen in der Zeit der Hexenverfolgung (ca. 1430–1780) auch Hebammen. Da sie während der Schwangerschaft angeblich die Möglichkeit hatten, Fehlgeburten zu provozieren oder die ungetauften Neugeborenen zu opfern, wurden sie im „Hexenhammer“ (Abhandlung über die Verfolgung, Verurteilung und Hinrichtung von Hexen aus dem Jahr 1486) zum Feindbild der katholischen Kirche erklärt. Die These der Auslöschung der weisen, heilenden Frau als Bewahrerin der Volks- und Frauenheilkunde im Zuge der Hexenverfolgung wurde dennoch immer wieder infrage gestellt, obwohl der Anteil von Heilerinnen* und Hebammen an allen Zentren der Hexenverfolgung hoch war.

Neben der Hexenverfolgung gab es weitere Faktoren, die das Wissen um Frauen*gesundheit schmälerte und zurückwarf: Das akademische Medizinstudium (von welchem Frauen* bis 1899 ausgeschlossen waren) und der daraus resultierende Konflikt zwischen Hebammen und Ärzten* spielte die Expertise der Frauen* herunter und marginalisierten die Tätigkeiten der nicht studierten Geburtshelferinnen*. Mit der schulmedizinischen Gynäkologie und Chirurgie wurden Frauen* und ihr Wissen spätestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts weiter aus der (Frauen*)-Heilkunde gedrängt. Da Frauen* erst zur Wende zum 20. Jahrhundert wieder studieren durften und die universitäre Lehre bis heute von Männern* dominiert wird – 2019 waren nur 26% der Professor*innen weiblich*, bleiben sogenannte „Frauenkrankheiten“ schlecht erforscht. 

Beispielhaft dafür sind das PCO-Syndrom (Polyzystisches Ovar-Syndrom) und Endometriose. PCOS ist zwar eine der häufigsten Stoffwechselstörungen und die häufigste Hormonstörung bei Frauen* im gebärfähigen Alter, aber dennoch ist der Weg zur Diagnose lang. Und auch dann erfolgt eine Behandlung nur mit Medikamenten im „Off-Lable-Use“, also mit Medikamenten, die nicht zur Behandlung von PCOS zugelassen sind, aber im Zusammenhang mit den Symptomen Wirkung zeigen. Das bedeutet einerseits, dass die Therapie häufig mit ungewollten Kompromissen einhergeht und dass die Patientinnen* die Kosten selbst tragen müssen. Als einzige Option wird meistens die Pille angeboten, die wiederum nicht von allen gut vertragen wird, starke Nebenwirkungen haben kann und bei Kinderwunsch nicht infrage kommt.

Ähnlich ergeht es Menschen mit Endometriose. Geschätzt wird, dass zwischen 8% und 15% aller Frauen* vor der Menopause betroffen sind. Um sich und anderen zu helfen, werden diese Frauen* selbst aktiv, beispielsweise in Selbsthilfegruppen oder Vereinen wie die Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. oder der Endometriose Dialog e.V. Über die Vernetzung von betroffenen Frauen* und engagierten Ärzt*innen wird informiert, unterstützt und versucht, aktiv der „Gender Data Gap“ entgegenzuwirken.

Wir haben mit Kathrin Weinel, stellvertretende Vorsitzende des Endometriose Dialog e.V. gesprochen. Sie lebt seit 2009 mit der Diagnose Endometriose:

F*SA: Woran hast du gemerkt, dass etwas bei dir nicht in Ordnung ist? Hattest du selbst den Verdacht, dass es Endometriose sein könnte?

Kathrin Weinel: Ich hatte eine spärliche Regel und keinerlei Verdacht. Ich hatte eher an Stress gedacht. Meine Frauenärztin ist sehr umsichtig und schaut immer gleich nach.

F*SA: Wie lange hat es gedauert, bis du eine Diagnose hattest und wie viele Termine bei Fachärzt*innen hattest du bis dahin?

K. W.: Die Diagnose kam prompt, auch wenn sie jahrelang nur eine Verdachtsdiagnose blieb. Eine verlässliche Diagnose gibt es nur nach einer Lapraskopie und histologischer Untersuchung. Leider erfolgte keinerlei Aufklärung und da ich keine weiteren Beschwerden hatte auch keine Therapie.

F*SA: Und wie lange hat es gedauert, bis du einen zufriedenstellenden Therapieplan hattest, mit dem du gut zurechtkommst?

K. W.: Es gab keinen zufriedenstellenden Therapieplan, nur künstliche Hormone und eine weitere Operation. Das war für mich keine Option. Ich habe dann selbst recherchiert und mich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen. Für eine gute Diagnostik habe ich noch mehrere ganzheitliche Ärzte aufgesucht. Ich habe insgesamt 1500 € Diagnosekosten selbst getragen, da die Kasse nicht zahlt. Einen vernünftigen Therapieplan gab es aber auch von ganzheitlicher Seite nicht. Ich habe dann radikal mein Leben umgestellt und konnte nach 6 Monaten auf naturähnliche Hormone umstellen. Parallel musste ich meinen Darm heilen. Nach 1,5 Jahren war ich beschwerdefrei.

F*SA: Entsprechen deine Erfahrungen der Norm? Wie sieht es bei anderen Patientinnen* im Schnitt aus?

K. W.: Nein, ich hatte großes Glück. Der Zeitraum bis zur Diagnose liegt im Schnitt bei 7 Jahre. Viele bleiben trotz Schmerzen ohne Diagnose.

F*SA: Was würdest du Frauen* mit frischer (Verdachts-)Diagnose Endometriose raten?

K. W.: Nicht nur auf die Endometriose zu schauen, viele Frauen mit einem schweren Verlauf haben oft Begleiterkrankungen. Probleme mit dem Immunsystem, Darm oder Schilddrüse sind sehr häufig. Auch die Psyche spielt eine größere Rolle als viele glauben. Leider nur werden wir Frauen* oft in die „Psychoecke“ gedrängt und es wird so ausgetan, als seien die Schmerzen psychosomatisch. Das sollte sich keine Frau* einreden lassen. Aber die Psyche leidet sehr unter der Erkrankung und den Therapien, die eigene Probleme mit sich bringen. Wird man bei Frauenärzt*innen abgebügelt, rate ich, sich sofort an ein zertifiziertes Endometriosezentrum zu wenden, Adressen findet man auf der Seite der Endometriosevereinigung. Ich kann nur jeder Frau* empfehlen, Körper und Seele fit zu machen, damit beide mit dieser schweren Erkrankung bestmöglich fertig werden. Aktiv mit der Endometriose umzugehen, ist sehr hilfreich.

F*SA:Was wünschst du dir von Ärzt*innen in Bezug auf die Behandlung von Endometriose und den Umgang mit Endometriose-Patientinnen*?

K. W.: Dass sie Patientinnen* an Selbsthilfegruppen vermitteln und sich mit diesen vernetzen und austauschen. Es muss nicht eine in der Nähe sein, viele beraten auch telefonisch. Außerdem, das Ärzt* innen ehrlich sagen, dass sie nicht weiter wissen und nicht den Patientinnen* einreden, dass ihre Beschwerden nicht sein können.

F*SA: Vielen Dank!

Verwendete und weiterführende Literatur:

Criado-Perez, Caroline: Unsichtbare Frauen: Wie eine von Männern gemachte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, München 2020.

Gaskill, Malcom: Hexen und Hexenverfolgung. Eine kurze Kulturgeschichte, Stuttgart 2013.

Kerckhoff, Annette: Heilende Frauen. Ärztinnen, Apothekerinnen, Krankenschwestern, Hebammen und Pionierinnen der Naturheilkunde, Berlin 2014.

Robert Koch Institut (Hg.): Gesundheitsberichterstattung des Bundes gemeinsam Getragen von RKI und DESTATIS. Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland, Berlin 2020.

Sallmann, Jean-Michel: Hexen; in: Geschichte der Frauen. Frühe Neuzeit (= Band 3), Berlin 2012, S. 461–474.

https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Frauenanteil-in-Professorenschaft-steigt-langsam-413821.html (Aufgerufen am 26.05.2021)

Aktion zum Weltfrauentag

Liebe Frauen,

am 8.3. ist WeltFRAUEN*-Tag/ Frauen*Streiktag und somit auch ein wichtiger Tag für uns alle!

Dieser Tag soll eine Möglichkeit bieten, dass Frauen und Mädchen gemeinsam für ihre Rechte streiken. Auch hier in Dresden werden verschiedene Aktionen stattfinden (weitere Infos findet Sie hier).

Wir im Frauengesundheitszentrum wollen uns mit einer Aktion beim Frauen*Streiktag beteiligen und werden Sie hier über weitere Termine zum 8.3. informieren.

Hier nun der Aufruf an Sie:
Uns liegen Ihre Themen am Herzen. Auch zum 8.3. wollen wir Ihren Stimmen ein Sprachrohr verschaffen!

Das Leben hat sich im Lockdown verändert. Es fallen nicht nur Veranstaltungen, wie zum Beispiel auch unsere Kurse für Sie, aus – wir sehen auch Auswirkungen auf das persönliche, alltägliche Leben.  

Uns interessiert:
WIE GEHT ES IHNEN in der gegenwärtigen Situation? In Ihrer Familie, in Ihren Freundschaften, im Spagat zwischen Homeoffice und Homeschooling?

WAS BELASTET SIE, WAS NERVT? WAS BRAUCHEN SIE?

und

WAS WÜRDEN SIE AM 8.3. BESTREIKEN?

WAS oder WEN sollte die Politik besser UNTERSTÜTZEN?

Schreiben Sie uns eine Nachricht, senden Sie uns ein Foto oder eine Videobotschaft zu Ihren Herausforderungen im Lockdown an fgz@medea-dresden.de

Ihre Beiträge möchten wir gern am 8.3. zu unserer Aktion zum Frauen*Streiktag verwenden – natürlich anonymisiert, wenn Sie möchten. Achten Sie dafür bitte darauf, bei einem Foto- oder Videobeitrag ihr Gesicht nur soweit zu zeigen, wie es für Sie vertretbar ist.

Desweiteren freuen wir uns Sie am 8.3. zwischen 14 und 17 Uhr am König*innenufer (Filmnächtegelände) zum gemeinsamen laut sein unter Beachtung der nötigen Schutzmaßnahmen zu begrüßen.

Leiten Sie den Aufruf gern an andere Frauen* weiter!

Wir freuen uns auf IHRE STIMME!

Liebe Grüße von den Mitarbeiterinnen des Frauengesundheitszentrums

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Situation von Frauen – ein Überblick

Obwohl sicher fast jede*r von erheblichen Auswirkungen der Pandemie auf das tägliche Leben berichten kann, wird immer deutlicher, dass nicht alle Menschen gleichermaßen von den Folgen der Corona-Krise betroffen sind. Recherchen zu diesem Thema zeigen schnell, dass gerade Frauen die Belastungen in besonderem Maße zu spüren bekommen – in fast allen Lebensbereichen.

Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung arbeiten deutlich mehr Frauen in sogenannten systemrelevanten Berufen wie der Pflege. Diese sind zwar offensichtlich unverzichtbar für die Grundversorgung der Bevölkerung, paradoxerweise herrschen aber gerade hier häufig sehr schlechte Arbeitsbedingungen in Form von hoher Arbeitsbelastung bei Personalmangel, hohem Ansteckungsrisiko und schlechter Bezahlung.1 Doch auch Frauen, die nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten, haben momentan häufig das Nachsehen. So sind von den Lockdown-bedingten Schließungen vor allem Branchen betroffen, in denen vermehrt Frauen ihren Lebensunterhalt verdienen, wie z. B. Gastronomie oder Tourismus. Frauen laufen somit insgesamt eher Gefahr durch die Krise in eine prekäre finanzielle Lage zu geraten. Dies verschärft sich insbesondere, wenn sie bereits vor der Pandemie durch z.B. niedriges Bildungsniveau und/ oder alleinerziehende Mutterschaft einen geringen sozio-ökonomischen Status aufwiesen.2

Für Alleinerziehende stellt sich die Situation durch den Wegfall von Kinderbetreuung in Schulen und Kitas noch herausfordernder dar als vor der Pandemie. In einer Erwerbstätigenbefragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung geben 52 % der Alleinerziehenden mit Kindern unter 14 Jahren an „äußerst belastet“ oder „stark belastet“ durch die Auswirkungen der Krise zu sein.3 Zusätzlich alarmierend ist dabei der Fakt, dass 90 Prozent der 692.000 erwerbstätigen Alleinerziehenden mit Kindern unter 13 Jahren Frauen sind.4 Aber auch Mütter in heterosexuellen Paarbeziehungen sind meist stärker gefordert als die Väter. Die eben erwähnte Befragung des WSI kommt zu dem Schluss, „dass auch in der Krise der ganz überwiegende Teil der anfallenden Betreuungsarbeit von Frauen übernommen wird.“ 54 Prozent der befragten Frauen berichten den überwiegenden Teil der anfallenden Kinderbetreuung abzudecken. Dem gegenüber stehen gerade mal 12 Prozent der Männer, die diese Aufgabe schultern.

Selbst Paare, die angaben sich die Kinderbetreuung vor der Pandemie gerecht aufgeteilt zu haben, konnten dies nur noch in 60 Prozent der Fälle beibehalten. Bei Paaren mit einem Gesamteinkommen von weniger als 2000 Euro war es sogar nur 48 Prozent möglich. Grund dafür scheint der meist höhere Verdienst der Männer zu sein.5 Denn um die wirtschaftlichen Einbußen so gering wie möglich zu halten, reduziert nachvollziehbarerweise meist das Elternteil mit dem niedrigeren Einkommen die Arbeitszeit. Je prekärer die finanzielle Situation desto weniger Spielraum bleibt bei dieser Entscheidung. Langfristig bedeutet diese Entwicklung unter Umständen massive Einschnitte in das Erwerbs- und Renteneinkommen von Frauen, da durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise die Wiederaufnahme der ursprünglichen Arbeitszeit wahrscheinlich häufig nicht ohne weiteres möglich sein wird. Hier zeigt sich deutlich der Zusammenhang zwischen Gender Care Gap und Gender Pay Gap sowie der bereits viele Male angeprangerte strukturelle Charakter dieser Problematik.

Die allgemein angespannte Situation bringt außerdem vermehrt psychische Belastungen mit sich. Dies zeichnet sich deutlich in der Beratungsarbeit mit den Klientinnen ab. Ein generell empfundener Kontrollverlust, Einsamkeit, Existenzängste, aber auch erschwerte Zugänge zu Arztterminen oder Schwangerschaftsberatungen, steigende Preise oder die Sorge um gesundheitlich besonders gefährdete Angehörige führen nicht selten zu depressiven Verstimmungen und Angstzuständen.
Das Jonglieren zwischen Erwerbs- und Care-Arbeit, mitunter enge Wohnverhältnisse und Existenzängste steigern auch die Rate häuslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder. Die Möglichkeiten Gewaltsituationen im häuslichen Umfeld zu entgehen werden durch die Corona bedingten Einschränkungen zusätzlich begrenzt. Selbst Hilfetelefone und Frauenschutzhäuser können schlechter in Anspruch genommen werden, da die gewalttätigen Partner die Wohnung deutlich seltener verlassen und die betroffenen Frauen deshalb schwieriger unbemerkt Kontakt nach Außen aufnehmen können. Das verschärft die Lage der Betroffenen enorm.6

Insgesamt scheint die Krise sowohl im wirtschaftlichen, wie auch sozialen und gesundheitlichen Bereich wie ein Brennglas alle bereits vorhandenen Ungleichheiten und Schieflagen zu befeuern. Insofern kann und darf die Hoffnung nicht sein zum „Normalzustand“ zurückzukehren. Mädchen und Frauen ist nur dann langfristig geholfen, wenn sowohl ihr Schutz als auch ihre generelle Gleichstellung in allen Lebensbereichen zur klaren und selbstverständlichen Agenda der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger*innen werden.

1 Koebe, J., Samtleben, C., Schrenker, A., Zucco, A. (2020): Entlohnung unverzichtbarer Berufe in der Corona-Krise unterdurchschnittlich. DIW aktuell 48, 9 S.

2 https://www.lpb-bw.de/gesellschaft-und-corona#c60709

3 https://www.wsi.de/de/faust-detail.htm?sync_id=8906

4 https://www.gender.de/cms-gender/wp-content/uploads/gender_corona.pdf

5 Schrenker, A., Zucco, A. (2020): Gender Pay Gap steigt ab dem Alter von 30 Jahren stark an. DIW Wochenbericht 10, S. 137-145.

6https://www.paritaet-bw.de/presseportal/pressemitteilungen/frauenhaeuser-bieten-schutz-auch-zeiten-der-corona-pandemie

Photo by Evgeni Tcherkasski on Unsplash

RKI veröffentlicht Frauengesundheitsbericht

Am 9.12.20 war es so weit! In einer gemeinsamen Pressemitteilung des Bundesministeriums für Gesundheit und des Robert Koch-Instituts wurde die Veröffentlichung des lang erwarteten Frauengesundheitsberichtes bestätigt.
In der Ankündigung heißt es: „Frauen und Männer unterscheiden sich deutlich in Bezug auf Gesund­heit und Krank­heit. Neben unter­schied­lichen Er­krankungs­häufig­keiten lassen sich auch geschlechter­bezogene Unter­schiede bei der Wahr­nehmung und Kom­muni­kation von Symptomen, im gesundheits­rele­vanten Ver­halten und bei der In­an­spruch­nahme von Ver­sorgungs­angeboten fest­stellen. Ur­sachen hier­für werden unter anderem in den unter­schiedlichen Arbeits- und Lebensbedingungen gesehen. Die Daten aus dem Gesundheits­monitoring des Robert Koch-Instituts sind eine wichtige Grundlage für die Darstellung ge­schlechter­bezogener Aspekte von Gesund­heit und Krankheit. …“

Der Bericht ist als PDF auf der Homepage des RKI zu finden.

Veranstaltungshinweise

Die diesjährigen bundesweiten Herzwochen finden vom 1. bis 30.11. statt. Sie stehen unter dem Motto „Das schwache Herz“ und nehmen die Volkskrankheit Herzschwäche (Herzinsuffizienz) in den Fokus. Aktuelle Informationen und Hinweise zu Veranstaltungen der Deutschen Herzstiftung finden Sie unter: www.herzstiftung.de/service-und-aktuelles/herztermine-und-veranstaltungen/herzwochen

Am 17.11.20 veranstalten die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) die vierte Bundeskonferenz Frauengesundheit als Livestream. Sie widmet sich dem Thema „Herz-Kreislauf-Gesundheit bei Frauen: Neue Aspekte und aktuelle Herausforderungen“ und wird organisatorisch von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V. begleitet. Die Anmeldung ist bis zum 09.11.20 möglich unter:
www.frauengesundheitsportal.de/konferenzen/bundeskonferenz-frauengesundheit-2020/anmeldung-zum-livestream/

Zum Internationalen Tag NEIN! zu Gewalt an Frauen am 25.11.20 hat sich TERRES DES FEMMES eine besondere Aktion überlegt. Passend zum Jahresthema #meinherzgehörtmir will der Verein auf das Thema Zwangs- und Frühverheiratung aufmerksam machen und den Forderungen zum Schutz von Mädchen und Frauen in Deutschland Nachdruck verleihen. Im Rahmen der Fahnenaktion „Frei leben ohne Gewalt“ wurde eine Luftballon-Aktion ins Leben gerufen, bei der Sie ihre Wünsche für Betroffene und deren selbstbestimmtes (Liebes-) Leben öffentlichkeitswirksam steigen lassen können. Weitere Infos zur Aktion und Teilnahme finden Sie auf der Vereinsseite unter www.frauenrechte.de